Aber genau das ist es, was Klaus und mich fasziniert und uns vor lauter Neugierde kaum zurückhalten lässt. Im Nu ist unsere Müdigkeit verschwunden. Wie kleine Kinder stehen wir mit offenen Augen, gespannt und voller Erwartungen in den Startlöchern, um endlich auch solche Kunstwerke vollbringen zu können. Und selbstverständlich probieren wir das Ganze sofort aus, ohne auch noch die geringste Spur an Hintergrundinformationen zu haben. Und wie soll es anders sein? Der Ball hält nicht!
Schnell wird uns klar, dass es doch an Übung und Technik braucht, um das von Professor Bai Rong Vorgeführte ebenfalls zu beherrschen. Und so beginnen wir das Training von ganz vorne, erst mal nur mit Ball. Immer und immer wieder die gleichen Bewegungen, um ein Gespür dafür zu entwickeln, denn der Schläger selbst soll später nur die Verlängerung des Armes sein.
Dies überstanden folgt die erste Einführung über das Racket. Schlägerhaltung und abermals Trockentraining. U-Schwingen von links nach rechts, Spiegel drehen von links nach rechts, Diagonale auf beiden Seiten, Achter, etc. Lauter runde Bewegungen. Schon hierbei merke ich, wie ungeduldig ich werde. Ich kann es kaum erwarten, Schläger und Ball miteinander in meinen Händen zu halten. Gleichzeitig aber bewundere ich jedoch die Geduld und Ausdauer der Chinesen, eine Bewegung ständig wieder aufs Neue zu üben und uns immer und immer wieder auf wesentliche Fehler aufmerksam zu machen. Die unterschiedliche Lebensweise und Philosophie kommt hierbei stark zum Vorschein. Mir wird immer mehr bewusst, dass manches einfach Zeit braucht, um entstehen zu können, und dass ich zu Hause im Alltag auch des Öfteren viel zu hektisch und ungeduldig unterwegs bin.
Nichts desto trotz, nach mir ewig erscheinender Zeit, ist es dann doch endlich soweit. Ball und Schläger werden miteinander „verbunden“.
Voll Freude beginne ich die eben in Trockenübung ausgeführten Bewegungen Schritt für Schritt auszuprobieren. Und bin überrascht: Es funktioniert! Der Ball hält! Zwar nicht immer aber immer öfter.
Anfangs noch sehr zaghaft und mit kleinen Bewegungen gewinne ich immer mehr an Vertrauen in mich und das, was ich tue, sodass die Bewegungen mit der Zeit immer und immer größer und runder werden. Und genau das ist es, was Taiji Bailong Ball ausmacht. Das Prinzip des „völlig Runden“, genau so wie bei allen anderen traditionell Chinesischen Bewegungskünsten. Und zu meiner Überraschung bleibt der Ball so viel einfacher auf dem Schläger. Je weniger hektisch und stressig, desto einfacher also! Abermals eine hervorragende Erkenntnis für mich.
Von der kleinsten Zehe bis in den kleinsten Finger, alle Muskeln, Sehnen und Bänder sind im Einsatz. ... Weiter zu Teil 3


